Bei russischen Drohnen- und Raketenangriffen auf die Ukraine sind in der Nacht zum Donnerstag mindestens acht Menschen getötet worden. Die Angriffe trafen unter anderem die Hauptstadt Kiew sowie Ziele im Nordosten des Landes, darunter die Region Charkiw. Nach Angaben ukrainischer Behörden wurden bei den Attacken auch zivile Einrichtungen beschädigt, darunter eine Entbindungsklinik und ein landwirtschaftlicher Betrieb. Präsident Wolodymyr Zelensky erklärte, allein bei dem jüngsten Angriff auf Kiew seien zwei Menschen ums Leben gekommen.
Die Angriffe ereigneten sich zeitlich unmittelbar nach einem Auftritt Zelenskys vor der UN-Generalversammlung in New York, wo er sich für verschärfte Sanktionen gegen Russland einsetzte. Der ukrainische Präsident rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, Moskau durch Handelsbeschränkungen und ein Ende der Ölkäufe wirtschaftlich zu schwächen. Nach Angaben mehrerer Medien bezeichnete er Kremlchef Wladimir Putin dabei als „Patient Null“ für die Ausbreitung von Kriegen in der Region. Zelensky warnte zudem, der Krieg könne sich ausweiten, sollte er nicht bald beendet werden, und forderte Maßnahmen gegen „Russlands Finanzen und Russlands Produktion“ vor einem weiteren Kriegswinter.
Die jüngsten Angriffe reihen sich in eine Serie von Luftschlägen ein, die in den vergangenen Tagen die Ukraine getroffen haben. Bereits am Vortag waren nach Berichten der Straits Times bei russischen Angriffen auf ukrainische Infrastruktur sieben Menschen ums Leben gekommen. Moskau hatte zu diesem Zeitpunkt erklärt, es werde keine „Pause“ im Krieg geben. Die Häufung tödlicher Angriffe unmittelbar vor und während der UN-Generalversammlung wird von Beobachtern als Zeichen dafür gewertet, dass diplomatische Bemühungen um eine Waffenruhe bislang keine unmittelbare Wirkung auf das militärische Geschehen vor Ort zeigen.
Nach ukrainischen Angaben handelte es sich bei den Angriffen um eine Kombination aus Drohnen und Raketen, wobei Russland in den vergangenen Monaten verstärkt schnellere und schwerer abzufangende Drohnentypen einsetzt. Die Ukraine wiederum leidet nach eigenen Angaben unter einem Mangel an Abfangsystemen, um ballistische Raketen zuverlässig abwehren zu können. Diese Unterlegenheit bei der Luftverteidigung gilt als einer der Gründe, warum zivile Ziele wie Wohngebäude, medizinische Einrichtungen oder landwirtschaftliche Betriebe wiederholt getroffen werden.
Die Angriffe blieben nicht auf ukrainisches Gebiet beschränkt. Nach Angaben von Ukrinform musste Polen am Donnerstagmorgen zweimal Kampfflugzeuge in Reaktion auf die russischen Angriffe auf die Ukraine aufsteigen lassen. Dies verdeutlicht, dass die Wirkung der Angriffe auch die unmittelbaren Nachbarstaaten der Ukraine tangiert und die polnische Luftverteidigung in Alarmbereitschaft versetzt.
Die russische Seite bestreitet, dass es sich bei den getroffenen Zielen um zivile Objekte gehandelt habe. Laut Berichten von TRT World erklärte Moskau, man habe militärisch relevante Einrichtungen angegriffen. Zugleich wirft Russland der Ukraine vor, mit Drohnentrümmern einen Brand in einer südrussischen Region verursacht zu haben. Berichte unterscheiden sich damit deutlich in der Bewertung, welche Ziele bei den Angriffen tatsächlich getroffen wurden und welche militärische Relevanz sie hatten.
Parallel zu den Kampfhandlungen liefen laut Al Jazeera in New York verstärkte diplomatische Gespräche zwischen den USA und Russland, bei denen es unter anderem um die Auswirkungen des Krieges auf die globalen Energiemärkte ging. Details zu konkreten Ergebnissen dieser Gespräche wurden bislang nicht bekannt. Auch blieb offen, ob und wie die von Zelensky geforderten verschärften Sanktionen von den UN-Mitgliedstaaten tatsächlich umgesetzt werden könnten.
Auf russischer Seite äußerte sich unterdessen der Militärexperte Alexey Chadayev gegenüber der staatlichen Agentur TASS. Er vertrat die Einschätzung, die Ukraine könne den sogenannten Drohnenkrieg nicht gewinnen und verschwende dabei erhebliche finanzielle Mittel. Diese Aussage steht im Kontext der russischen Position, wonach ein militärischer Sieg über die Ukraine langfristig erreichbar sei, während die ukrainische Seite und ihre westlichen Unterstützer auf eine internationale wirtschaftliche Isolation Russlands als Hebel setzen.
Insgesamt zeigen die Ereignisse der vergangenen Tage, dass der seit viereinhalb Jahren andauernde Krieg trotz wiederholter diplomatischer Initiativen auf höchster internationaler Ebene keine unmittelbare Deeskalation erfahren hat. Wie sich die angekündigten Sanktionsforderungen, die laufenden US-russischen Gespräche und die anhaltenden Luftangriffe in den kommenden Wochen zueinander verhalten werden, ist derzeit offen.
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